Auszug des Buches ist in alter Schreibweise veröffentlicht.

Angefangen hat mein Prozeß der inneren Einkehr mit der Realisierung eines Mangels, dessen ich mir als junger Mann im Kontakt mit Frauen schon ganz früh, vielleicht mit 22 Jahren, gewahr wurde, wenngleich ich es viele Jahre vehement ablehnte, mir das einzugestehen. Es ging dabei immer um das unausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz zur Partnerin und darum, einen Kontakt aufrechtzuerhalten, den eine lebendige Beziehung braucht (das weiß ich heute). Ich meine damit nichts Großartiges, sondern eher etwas ganz Einfaches: Gefühle zwischen Mann und Frau offen auszutauschen, sich im Herzen zu begegnen und über sich selbst sprechen zu können, über das, was einen beschäftigt, was man beabsichtigt zu tun. Es geht also darum, eine Offenheit miteinander zu pflegen ohne Ziel und Zweck, außer dem, in dieser Zeit gemeinsam in Zugewandtheit verbunden zu sein und sich mitzuteilen. Wenn dies geschieht, dann ist es, als wäre man durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden. Dann fühlt man sich nicht mehr allein, auch wenn man allein ist.

Ich hatte große Schwierigkeiten, dieses Bedürfnis besonders in meiner Jungmännerzeit überhaupt zu spüren. Diese Energie, dieses Wollen wurde immer von den Frauen ausgesandt, mit denen ich eine Beziehung hatte. Zur Enttäuschung meiner Partnerinnen bevorzugte ich die Distanz, zog mich gerne zurück und wartete darauf, daß die Frau sich wieder annäherte. Ich spürte dann aber, daß ich etwas vermißte. Es war ein Mangel von etwas, was ich nicht hätte beschreiben können und was die Frauen mit ihrer mir zugewandten Energie versuchten, vielfältig auszugleichen. Doch mit zunehmender Lebenspraxis bestanden sie darauf, daß ich mich auch um diese Nähe bemühen solle. Sie fühlten sich mit der einseitigen Energielieferung überfordert, vielleicht auch ausgenutzt. Vor allem aber: Die Nähe zueinander riß ohne mein Zutun irgendwann ab. Das Miteinander reduzierte sich dann auf das alltägliche Einerlei, was sicherlich viele kennen. Es beschränkte sich auf Organisatorisches, Termine, Krisen, auf das Ausgehen miteinander oder auch auf das Sexuelle. Die Frauen fühlten sich in einem solchen Zustand mehr und mehr allein, ohne Widerhall. Ich dagegen richtete mich ohne Schuldgefühl in der Sprach- und Kontaktlosigkeit ein, das kannte ich ja, und ging meinen Interessen nach. Ich fühlte zwar, daß zwischen uns etwas fehlte und daß ich da etwas nicht hinbekam, doch dachte ich, daß das zwischen Mann und Frau normal sei. Ich erlebte andere Männer im Umgang mit ihren Frauen ähnlich. Sprachen die Frauen das an, und meine Freundinnen während all der Jahre klagten alle ausnahmslos darüber, zog ich mich in den Schmollwinkel zurück. Oder ich verteidigte mich, gewissermaßen als Reflex auf die Empfindung des Mangels, wollte nicht die Schuld daran haben. Anfänglich konnte ich viele Jahre nicht wirklich darüber reden, weil ich im Nebel meiner verletzten Befindlichkeit nicht klar ausmachen konnte, was da eigentlich in meinem Inneren geschah. Mir war zum Ende meiner zwanziger Lebensjahre nicht bewußt, warum ich gegenüber meinen Partnerinnen dieses Nebeneinanderher als natürlich empfand.

Das änderte sich, als sich der Druck erhöhte, die Probleme und Konflikte zunahmen und sich andererseits die Männergruppe als gesundes Korrektiv entwickelt hatte. In dem angstfreien Raum dieser Gruppe fragte ich mich erstmalig, was da eigentlich bei mir abläuft: Das Miteinandersein als Paar erlebte ich zwar als gut und nährend, zugleich aber fühlte ich mich in dieser Nähe eingeengt, spürte einen Mangel an Freiheit und eine Gefährdung meiner mir wichtigen Aktivitäten – der Entzug von Freiheit war dabei das vorherrschende Gefühl. Ich sah in dem Miteinander mit der Partnerin offensichtlich eine Bedrohung meiner Interessen. Zuckte ich deshalb im Nahsein immer wieder zurück? Ich wollte doch mit dieser oder jener Frau zusammensein. Doch ich fühlte mich in der Nähe ausgeliefert, nicht in meiner Kraft, nicht als jemand, der die Nähe mitbestimmt, die Beziehung aktiv gestaltet. Das weiß ich jetzt, doch viele Jahre war mir nicht klar, warum ich immer wieder kalte Füße bekam. Dieses ständige Hin und dann wieder schnell Zurück war nicht nur anstrengend, sondern auch traurig und für meine jetzige Frau zu Anfang der Beziehung genauso deprimierend, wie es für meine erste Partnerin und die Freundinnen danach auch gewesen ist. In der Substanz hatte sich an diesem „Männerverhalten“ über die Jahre wenig geändert. Wurde ich darauf angesprochen, reagierte ich lange Jahre gereizt, so als ob mir jemand meine Zeit und meinen Raum streitig machen wolle. Ich ahnte noch nicht einmal, daß dahinter etwas steckte, was ich nie bei mir vermutet hätte: eine tiefsitzende Angst.

In meinem Frust geriet ich immer wieder in das Fahrwasser des Männerstammtisches, wo der Tenor war, daß das mit der Liebe und Nähe doch Sache der Frauen zu sein hat. Ich machte mir vor, daß ich nicht soviel Kontakt brauche. So war ich ständig in einer Verteidigungsposition. Ich wollte nicht sehen, daß es wirklich ein Mangel war.

Dieses Abwehrverhalten erschöpfte mich und auch meine Frau. Die zyklische Hinwendung zu meinen äußeren Angelegenheiten wurde zu einer Belastung, wenn ich mal wieder „fliehen mußte“. Ich stand vor einem großen Berg und ahnte, daß ich da hinüber mußte, wollte ich diese Frau nicht auch verlieren. Denn das wollte ich partout nicht, weil ich sie liebte, wobei mir in meiner männlichen Lebenswelt zu der Zeit nicht so ganz klar war, was Liebe denn nun für mich eigentlich bedeutet. Intuitiv begriff ich in meinem tiefsten Innern, daß ich für diese Liebe zu wenig Ausdrucksmittel mitbrachte. Ich hatte da etwas zu lernen und spürte ganz deutlich, daß in mir etwas wegzuräumen war. Und eines Tages, als sich der Knoten der Gewohnheit, des Rückzugs, immer weiter zuzog, den Lebenskanal mehr und mehr verengte und nichts mehr so recht zwischen uns fließen wollte, flüchtete ich nach einer anstrengenden Auseinandersetzung beleidigt ins Badezimmer, tauchte mein vom Diskutieren heißes Gesicht in kaltes Wasser und sah ich mich im Spiegel an. Ich erschrak vor mir selbst und bedeckte mit den nassen Händen schnell meine erregten Wangen. Ich wollte mich so, in dieser Art mickriger Selbstverteidigung, nicht sehen. Und während meine Hände das Gesicht langsam freigaben, begegnete ich mir selbst in meinen Augen, für einen kleinen Augenblick schwebender Stille. Und da traf es mich. Hatte ich mich noch in der Auseinandersetzung mit vielen Argumenten als vermeintlicher Sieger mit schlechtem Gewissen gefühlt, so kroch jetzt von unten etwas ganz anderes hoch, etwas Schales, Jämmerliches, Schuldbewußtes, ja, die Lüge sah ich in meinen Augen.

Als ich das fühlte, sah ich nur noch Trauer, ich blickte in ein blasses, erschöpftes und tieftrauriges Antlitz. Das, so spürte ich es damals nach oben drängen, kam tief aus mir selbst, das war ein Teil von mir, mein innerer Zustand nicht nur in diesem Spiegel. Und da konnte ich mich irgendwie nicht mehr sehen. So mochte ich mich nicht. Mein Verteidigungsgebäude brach hier im Badezimmer vollkommen zusammen. In diesem Augenblick der Traurigkeit fühlte ich meine Not mit mir selbst. Ich fand es beschissen, meiner Frau durch fadenscheinige Argumente das Bedürfnis nach Nähe ausreden zu wollen. Zudem war ich erschüttert, ein eigenes Bedürfnis nach solch einem WIR-Gefühl offensichtlich nur unzureichend spüren zu können. Ich fand das alles furchtbar und sah, daß es so nicht mehr weitergehen konnte. Und ich erkannte in diesem Moment der inneren Nacktheit die Notwendigkeit, das als Mangel, als Defizit bei mir selbst anzuerkennen. Es war so! Ich hatte nicht das, was sie hatte, und das mußte ich jetzt akzeptieren. Ich fühlte, wie es wehtat, das nicht spüren zu können, und daß es schön wäre, würde ich das Bedürfnis auch so empfinden. Da wurde mir klar, daß ich mich entscheiden muß, wollte ich nicht wieder scheitern. Und dann spürte ich Wut, Wut darüber, daß da offensichtlich etwas im Wege stand, was mich zu diesem Gefühl nicht vordringen ließ, mich behinderte, mir auf eine bestimmte Weise fremd und mir doch auch in anderen Situationen ganz zu eigen war. Im gleichen Augenblick öffnete sich jenseits dieser Wut mein Herz. Ich spürte, daß das Gefühl zu ihr fließen wollte, es aber festsaß – und ich traute mich nicht, es strömen zu lassen. Ich wußte auch gar nicht, wie sich das wohl anfühlen würde. Ich realisierte im Anblick meiner selbst, daß die wirkliche Liebe einen offenen Kanal braucht, um sich entfalten zu können. Ich aber hatte da wohl nur eine kleine Röhre anzubieten. Mir war es auch nicht geheuer, diese Liebe überhaupt zu zeigen, ihr Ausdruck zu geben. Der Gedanke an ein Ende der Beziehung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich zitterte und sah in meinen Augen die Furcht vor meiner eigenen Tiefe, und dann flossen die Tränen aus mir heraus. Ich ließ es einfach geschehen, wollte nicht mehr festhalten. Denn inzwischen hatte ich schon gelernt, nicht mehr davonzulaufen. Das war erleichternd. In diesem Moment spürte ich, was ich zu tun hatte: ich war am Zug. Ich hatte einen Weg zu finden, der das Problem löst, zumindest es angeht, um Hoffnung für ein Miteinander haben zu können. Ich mußte mich jetzt damit beschäftigen und nachspüren, was da eigentlich mit mir los war. Es wurde Zeit! Bevor meine Frau resignierte, mich in Ruhe ließe und wir ein Leben nebeneinanderher führten, was einer Kapitulation vor unseren Möglichkeiten gleichgekommen wäre, hing die Beziehung nun von mir ab.

Mich erfüllte ein tiefes Erschauern: Ich sah eine imaginäre, grenzenlos hohe Mauer, die es zu überwinden galt. In diesem Augenblick ahnte ich, daß es hier ans Eingemachte geht. Auf meinen Wangen gerannen die Tränen zu einer kalten Spur, graute mir doch vor einer Einsamkeit, die ich aus meiner Jungmannzeit allzugut kannte. Wenn ich diese Herausforderung nicht annehmen könnte – dann wäre Eiszeit, ja auch Tod! Irgendwie fühlte sich das tödlich an. Das wollte ich nicht erleben! ... ... ...

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